Rosalind Nashashibi: Bachelor Machines part 2

Ausstellung: 18.4. - 1.6.2009

In diesem Jahr finden die ersten Einzelausstellungen der britischen Künstlerin Rosalind Nashashibi (1973, Croydon) in Köln und Stuttgart statt. Projects in Art & Theory zeigt die 16mm-Doppelprojektion Bachelor Machines part 2 von 2007 und den 16mm Film Flash in the Metropolitan (2006), eine Zusammenarbeit mit Lucy Skaer, auf der Dark Fair im Kölnischen Kunstverein.

Rosalind Nashashibis Arbeit, die überwiegend aus Filminstallationen aber auch Fotografien, Collagen und Siebdrucken besteht, ist ein spezifischer Blick zueigen: einerseits nähert er sich alltäglichen Szenen, Objekten und Mikrogesellschaften aus einer analytischen, distanzierten und scheinbar unbeobachteten Perspektive heraus; andererseits scheint der den Bildrahmen und jeweiligen Ausschnitt durch Intensität und Langsamkeit des Blicks zu durchdringen und zu hinterfragen.

In der kleinformatigen 16mm-Installation Bachelor Machines part 2 (2007) findet dieser doppelte Blick, den Aleida Assman mit "staring" und "gazing" umschrieben hat, eine visuelle Entsprechung in der Doppelprojektion, die auf der linken Seite Schwarzweiß-Sequenzen unter anderem mit Originalszenen aus Alexander Kluges Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos von 1968 und auf der rechten Seite Ausschnitte aus ihren eigenen früheren Farbfilmarbeiten Eyeballing (2005) und Park Ambassador (2005) zeigt. Die Aufmerksamkeit gilt in dieser Arbeit auch dem Ton, der eine Originalaufnahme eines Interviews zwischen Thomas Bayrle und Mathias Faldbakken im Office of Contemporary Art in Oslo darstellt, den Nashashibi während eines Austausch-Programms kennenlernte. Er formuliert eine waghalsige aber gleichzeitig suggestive Theorie über die Weberei und den Einfluss der Maschine auf die westliche, europäisch-christliche Welt wie auch ihren Zusammenhang zu den Wortsalven des Rosenkranzes, die seit dem Mittelalter die Wunschmacht der Mönche vergegenwärtigte und sich in einer abstrakten Weise als Manifestation der Maschinenenergie und der Explosionen des Dieselmotors analogisieren lässt. Thomas Bayrle wird in der linken Projektion mit seiner Frau Helke auf einem Sofa sitzend in zärtlich-intimer Geste portraitiert - insofern ist diese Arbeit wie auch der 2008 gedrehte Film Footnote als Nashashibis Hommage an das Künstlerpaar zu verstehen.

Die filmische Einstellungen der Bayrles sind als re-enactment oder Nachstellung der Originalszenen mit der Artistin Leni Peickert und ihrem väterlichen Freund Dr. Busch angelegt und wechseln sich mit den Kluge-Filmszenen der nackten Protagonistin auf einem orientalisch gemusterten Sofa ab. Die rechte Projektion eigene Filmsequenzen: das einem Totem oder Botschafter ähnlichen Schaukelgestell, das als Park Ambassador die Umgebung zu bewachen scheint, sowie Szenen aus Eyeballing, die gesichtähnliche Strukturen in Gegenständen oder Wände beobachten und den Eingang eines amerikanischen Polizeireviers unter Augenschein nehmen. Diese Szenen sind zunächst unscharf, ein abstraktes Muster von Farbflächen, und werden erst klar, wenn Bayrle in seinem Vortrag das abstrakte Fortleben der Wünsche im Wortstakkato des Rosenkranzes in der Maschine beschwört und bildhaft ein Erkenntnisvorgang einsetzt. Beide zitierten Arbeiten widmen sich explizit der Wahrnehmung: "Eyeballing" meint das Glotzen, also staring, das ein Sezieren von Ähnlichkeiten aus den Filmbildern herausschält und durch die lange Betrachtung auch tiefere Schichten und Qualitäten der Bilder zum Vorschein bringt. Es geht über ein reines Untersuchen hinaus, indem es Eigentümlichkeiten der Dinge zum Vorschein bringt wie auch ihre poetische Undurchdringlichkeit thematisiert. Die Filmsequenzen sind bei kaum einer anderen Arbeit derart collageartig und asynchron montiert bei wie Bachelor Machines part 2 - die Filme beginnen versetzt und weisen noch nicht einmal dieselbe Länge auf - und doch scheinen sie sich ähnlich zu ergänzen, wie die Maschinen- und Gebetslitanei, auf die Bayrle hinweist. Diese Asynchronität teilt Nashashibi mit Kluges 1968 gedrehter Film- und Tonmontage zum Reformzirkus, die ein kunstvolles, essayistisches und fiktionales filmisches Werk darstellt mit Beobachtungen über gesellschaftliche Veränderung und Befreiung sowie deren Scheitern. Als Freund und Wegbegleiter Bayrles scheint er - durch die found footage präsent - sein idealer Widerpart zu sein. Beide Projektionen verbindet die selbstreflexive Haltung der Darsteller oder Autoren gegenüber dem eigenen künstlerischen Werk: Nashashibi selbst führt diese mit Filmsequenzen zweier früherer Arbeiten retrospektiv vor, Bayrle offenbart sie in seinen Ausführungen zur Genese der Maschine, die für seinen künstlerischen Ansatz essentiell ist, und Kluge übersetzt diese in die Person und Lebensgeschichte seiner Hauptdarstellerin und Künstlerin, Leni Peickert. Alle Selbstreflexionen haben einen durchdringend rhythmisierten und performativen Ansatz, der durch die Mechanik, der Maschine des Filmprojektors zusammengehalten wird. Bachelor Machines part 2 ist der zweite Teil einer Reflexion über die Maschine. Der erste Teil befasst sich in 27 Episoden mit einer Schiffreise und ihrer männlichen Besatzung, die Schiff und Mikrogesellschaft in enge Beziehung setzt. Sind diese Junggesellenmaschinen, die Nashashibi aufgreift, in Marcel Duchamps Das Grosse Glas (1915-23; La mariée mise a nu par ses célibataires, mèmes) als getrennte, selbstreferenzielle Instanzen thematisiert, so fokussiert die Künstlerin ähnlich wie Bayrle die Analogiefunktionen der Maschinen und blickt in beiden Teilen durch die frames des Filmapparates auf dahinter liegende Zusammenhänge, die neben kulturhistorischer und anthropologischer Blicke auch einen immens poetischen und reflexiven Charakter aufweisen.

Flash in the Metropolitan ist nach Ambassador (2005) Rosalind Nashashibis zweite Koproduktion mit der schottischen Künstlerin Lucy Skaer, die 2006 während einer Künstlerresidenz des Scottish Arts Council in New York entstand. Mit 16mm Kamera und Stroboskop wagen sich die Künstlerinnen nachts in das Metropolitan Museum und filmen unter Lichtblitzen seine Exponate, ob volksreligiöse Masken und mittelalterliche Kleinplastiken oder primitive Kult- und Ritualgegenstände aus Europa, Ozeanien, Afrika und Nah-Ost. Die Kamera bewegt sich langsam und mit forschendem Blick an den Vitrinen und Objekten entlang und kehrt am Ende des dreieinhalbminütigen Films zum Ausgangbild zurück. Sie verharrt, bleibt auf Distanz oder berührt im nächsten Augenblick beinahe die reflektierenden Oberflächen, die im Wechsel von grellem Licht des Stroboskops und dem Schwarz der Umgebung und der Filmspur Lichtpunkte im Auge erzeugen. Erst jene Nachbilder machen die Subjektivität der Wahrnehmung und ihre ephemere Bildproduktion sichtbar, die für diese Arbeit eine entscheidende Rolle spielen. In unregelmäßigem Rhythmus und Lichtstärke tauchen für den Bruchteil von Sekunden jahrhundertealte Masken und Gesichter aus dem Dunkel im Scheinwerferlicht auf - nie lange genug, um eine visuelle Beziehung zwischen den Objekten ausmachen zu können, jedoch bestrebt, sich aus dem starren Ausstellungskorsett zu befreien und für einen Moment den ursprünglich magischen Charakter zurückzuerlangen. Zusammen mit den Objekten, die als Wandler zwischen Realität und dem Reich des Möglichen und Phantastischen treten, erhält die Filmaufnahme etwas Magisches, Performatives, wie eine rituelle Handlung, mit Hilfe derer sich die Künstlerrinnen in die Handlung mit einbinden. Der subtile Wechsel von Licht und Schatten, die zum Teil rudimentären Schnitttechniken und die physische Analogie zwischen Museumsraum und Black Box der Kamera zeigen Nashashibis und Skaers Grundinteresse an den materiellen Eigenschaften des Mediums Film, den Experimenten der frühen Kinematographie wie auch den subversiven und von der Zeit gelösten Mitteln er Re-Kontextualisierung. Flash in the Metropolitan entzieht sich nicht nur den festen Größen von Zeit und Raum, sondern auch jeglicher Logik und lesbaren narrativen Struktur, ob nun einer chronologisch-museologischen oder der eigenen.