Scott Myles: Search and Research

Ausstellung: 10.10. - 9.11.2009

Scott Myles, 1975 in Dundee geboren, konzipiert für Projects in Art & Theory eine Ausstellung mit dem Titel Search and Research, bei der er sich mit der performativen Bedeutung von Spiegelung und sozialer Interaktion in öffentlichen Räumen auseinandersetzt. Im Dezember 1977 führte Dan Graham erstmals sein Werk Performer/Audience/Mirror auf, in dem er die Beziehungen zwischen sich selbst (als Performer), dem Publikum und die Reflektion beider in einem Spiegel beschreibt: "The audience sees itself reflected by the mirror instantly while the performer’s comments are sligthly delayed. First a person in himself, next he hears himself described ‘objectively’ (‘subjectively’) in terms of the performer’s perception." Diese (wahrnehmungs-) psychologische Bedeutung von Kunst an der visuellen und verbalen Schnittstelle ist für Scott Myles Arbeiten relevant. Bei ihm sind es in erster Linie jedoch die Objekte, die auf Spiegelungen und performative Handlungen reagieren. Erst an zweiter Stelle treten die korrespondierenden Beziehungen von Person und Raum.

Die Serie großformatiger schwarz-silberner Siebdrucke The Meaning of Return (2009), die für Projects in Art & Theory aktuell entstanden ist, zeigt Ansichten eines Skulpturenensembles und dessen Reflexion in den wandfüllenden Spiegeln eines Ballettsaals. Anstelle der Tänzer treten bei Myles figurinenhafte Abstraktionen des menschlichen Körpers, skulpturale Surrogate, die sich aus einem gefundenen Alltagsgegenstand, ob Bürosessel, Trittleiter oder Rollstuhl, und einem präzise angefertigten Dreiecks-Objekt zusammensetzen. Die geometrische Form des Dreiecks lotet die Raumdimensionen von Höhe – Breite – Tiefe aus, die bereits für Scott Myles’ frühere Gruppe von Wandskulpturen der Unshelves charakteristisch ist. Am Versuch einer Negation und dem Umwandeln bzw. Recyceln von Bedeutung, Form und Funktion interessiert, verdoppelt er hierfür die Dreiecksform eines Wandregals, setzt sie deckungsgleich zu einem neuen Dreieck aufeinander. Die auf den Siebdrucken abgebildeten Stuhl-Skulpturen ergänzen eine fortlaufende Serie des Künstlers. Sie reflektieren damit nicht nur Myles’ eigene Werke, sondern stellen kunstgeschichtliche Bezüge zu beispielweise Joseph Beuys’ Fettstuhl I von 1964 her. Letzterer ist auch deshalb entscheidend, da der Fettkeil auf der Sitzfläche des Stuhls erneut die Grundform des Dreiecks aufnimmt. Scott Myles’ unerschöpfliches System aus (Selbst-) Referenzen, dem Blick und Gegenblick auf Dinge, Situationen und Geschichte, bietet ein Erklärungsmodell für sein spezifisches Interesse an Spiegelungen, das besonders in dieser Ausstellung zum Tragen kommt: Auf der Ebene des Bildes verdoppelt sich die Skulpturengruppe in den Spiegeln des Ballettstudios. Der Kölner Ausstellungsraum, die Besucher und die mittig platzierte Dreiecksstruktur spiegeln sich auf der matt-silbernen (Ebene der) Oberfläche der Siebdrucke. Und nicht zuletzt bezieht Scott Myles erneut sein eigenes Oeuvre auf referentieller Ebene als Reflexion mit ein. So ließ er beispielsweise Fensterscheiben durch Spiegel ersetzen und den Ausstellungsraum samt Exponate verdoppeln (Mirror Room, 2007. The Modern Institute, Glasgow). Bei einer späteren Arbeit leitete er das titelgebende Anagramm ‘Evol’ von Robert Indianas LOVE- Skulptur ab (The Unlike Pair. EVOL, 2008. Museum Kurhaus Kleve) und spiegelt die Worte.

Die hölzerne, farbig bemalte Dreiecksskulptur Social Sculpture in der Mitte des Ausstellungsraums tritt quasi aus der Bildwelt der Siebdrucke heraus. Sie definiert nicht nur dessen räumliche Dimensionen und Begrenzungen sondern setzt den Betrachter selbst in ein körperliches Verhältnis zu Raum und Objekt. 2008 führte Scott Myles die Performance Reciprocity On Three Planes auf, bei der die Körper von drei Akteuren, stehend, liegend und an jene hölzerne, dreieckige Raumstruktur angelehnt, die Grundform umschreiben. Der bei Projects in Art & Theory zu sehende Nachbau unterscheidet sich von dem ursprünglichen ‘Prop’ durch einen malerisch-gestischen Farbauftrag. Herausgelöst aus seinem funktionalen Kontext wird der Gegenstand so zu einem autonomen Kunstwerk transformiert.

Ob in den Medien Skulptur, Installation, Druck oder Performance - Scott Myles’ Werke lassen sich als Adaptionen, als weitverzweigte Referenzen von Gesten und Werken der zeitgenössischer Kunst, Kultur- und Architekturgeschichte wie auch der sozialer Interaktionen verstehen: Bezüge zu Giorgio de Chirico, Manet, Duchamp oder Schlemmer, zu konzeptuellen Denkern und Psychoanalytikern oder zum eigenen Werk fließen als formales und ästhetisches Vokabular in seine neue Arbeiten mit ein. Die Oberflächenbeschaffenheit der Dinge und Dispositive einerseits, die ihnen wesentliche Uneindeutigkeit und die Präzision geometrischer Grundformen andererseits spiegeln ein künstlerisches Interesse, das sich an der Schwelle zwischen dem Physischen und Ephemeren, dem Zwei- und Drei-Dimensionalen und der Suche und Erforschung von künstlerischer Formensprache bewegt.