Antje Krause-Wahl

Asking for Glamour. Mode und Musik im Künstlermagazin der 1970er Jahre

Vortrag am 5.3.2009

Glamour beschreibt eine auf Oberflächenwirkung beruhende erotische Faszination, die im Star ihre perfekte Verkörperung findet. Orte des Glamours sind Zeitschriften, die bereits qua Titel demonstrieren, dass der aktuelle Begriff von Glamour hier durch Bilder und Texte geprägt wird.

In der Publikation zur Ausstellung "The Future Has a Silver Lining" (migros museum, Zürich 2004) stellt Tom Holert den Bedeutungswandel des Begriffs dar und beschreibt das Verhältnis von Kunst und Glamour als eines, das durch Widersprüchlichkeit und Pluralität gekennzeichnet ist. Mein Vortrag differenziert anhand von zwei Künstlerzeitschriften, Inter/VIEW, später umbenannt in Andy Warhols Interview und General Ideas File Megazine den Einsatz und die Thematisierung von Glamour.

Im Herbst 1969 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift Inter/VIEW, herausgegeben von Gerald Malanga, Andy Warhol und Bob Colacello. Konzipiert als Filmmagazin, gedruckt auf Zeitungspapier im Zeitungsformat enthält Inter/VIEW Berichte von Filmproduktionen, Interviews mit Protagonisten der Filmszene und diente gleichzeitig dazu, die Aktivitäten der Factory bekannt zu machen. Neben Bildern von Sets zeigt Inter/VIEW großformatige Abbildungen aus dem Archiv Andy Warhols: Szenenfotografien aus Hollywoodfilmen und Broadwaymusicals neben Abbildungen der Hollywoodstars Marilyn Monroe, Anita Loos, James Dean etc. Das Interesse am Kitsch, dekorativen Settings, am Androgynen und an der ▄bertreibung sexueller Merkmale in den Fotografien weisen Inter/VIEW als eine Zeitschrift aus, die dem von Susan Sontag formulierten Camp-Geschmack ihren Ausdruck verleiht. Neben den Hollywoodstars präsentieren sich die Stars der Factory, den vergangenen Glamour aneignend und aktualisierend.

Die erste Ausgabe von File, herausgegeben von General Idea (AA Bronson, Jorge Zontal und Felix Partz) erschien im April 1972. Sein Umschlag entsprach den Cover-Bildern der LIFE-Magazine aus den 1940er Jahren. Auf den Seiten finden sind Fotografien oder ganze Magazinseiten mit neuen Texten kombiniert neben Projektdokumentationen von Künstlern: Die häufig präsente Miss General Idea beispielsweise war gleichzeitig Gegenstand von Aktionen und Performances. In der Hülle eines Hochglanzformats wurde ein Netzwerk der Kunstszene Kanadas etabliert und gleichzeitig der Glamour des Kunstbetriebs aufs Korn genommen; immer wieder finden sich insbesondere Verweise auf Andy Warhol.

Wenn Inter/VIEW in der Kombination von Fotografien der Hollywoodstars und der Factory die glanzvolle Oberfläche sucht, so interessieren sich General Idea für die Künstlichkeit des Glamours, den sie für subversive Zwecke nutzen: "Glamouröse Objekte sind ihrer Bedeutung entleert, so dass parasitäre aber kulturelle Bedeutung dort behaust werden kann." Die differente Haltung gegenüber Glamour zeigt sich pointiert in der Präsentation von Mode und Musik: "Inter/VIEW" bringt Beiträge zu Elvis Presley und Mick Jagger, in denen nicht die Musik im Mittelpunkt steht, sondern Fotografien, die die Musiker als glamouröse Stars in der für den Geschmack des Camp typischen ─sthetik in Szene setzen. Auch in den Modestrecken, fotografiert von Francesco Scavullo, wird das Spiel mit den Geschlechterrollen inszeniert.

General Idea greift das Thema Musik dezidiert 1977 in der "Punk till you Puke" Ausgabe auf, in der sich File – seit der "Glamour" Ausgabe 1975 in Anspielung auf Fanzines in File Megazine umbenannt – als strukturell verwandt mit dem Punk zeigt. In einem aufschlussreichen Text beschreibt AA Bronson hier die Verbindung zwischen Musik und Mode unter Bezugnahme auf den subversiven Tanzstil des Pogen: Pogo sei anarchische Bewegung per Definition, weil die Entscheidungen, die im Pogo getroffen würden, keine Reflexe auf Hierarchien und Kontrolle seien. Vielmehr entstünden Verbindungen, die die Logik und Hierarchien unserer kapitalistischen Superstruktur durchlöchern und sichtbar machen. Dem entspreche die Kleidung, die keine den Körper bloß dekorierende High Fashion, sondern eine Sprache sei. Indem die Punk-Mode beispielsweise durch Reißverschlüsse Teile des Körpers isoliere und Schnitte, weißes Fleisch, "unfrisiertes" Haar mit Leder, Sicherheitsnadeln und Stilettos kombiniere, sei sie in der Dekonstruktion homogener Oberflächen ebenfalls Kritik an kapitalistischen Strukturen.

Inter/VIEW und File knüpfen demnach an unterschiedliche Glamourbegriffe an: Inter/VIEW fokussiert auf den Camp des Hollywoodglamours, das Spiel mit Geschlechterrollen, das in der Factory fortgesetzt wird. File greift – unter Bezugnahme auf Fotomagazine – auf den bereits durch das Kapital verwerteten Glamourbegriff zu, um ihn für Kritik nutzbar zu machen. In beiden Fällen kann, wie zu zeigen sein wird, der Einsatz und die Reflexion von Mode und Musik auch als interne Auseinandersetzung der Subkulturen der 1960er und 1970er Jahre verstanden werden.