Laura Frahm

Ästhetik der Transformation.
Zur filmischen Entgrenzung des Raums


Der Film transformiert die sichtbare und hörbare Welt und überführt sie in eine spezifische Form von Räumlichkeit. Er entwirft genuine Transformationsräume, die sich jenseits bekannter Raumkoordinaten entfalten, oder präziser: in denen die Maßgaben eines fixierbaren und vermessbaren Raums nicht mehr greifen. Denn der Film erschließt einen Bereich des Räumlichen, in dem das Transformative, das Bewegte und das Dynamische den Ausgangspunkt jeglichen Raumdenkens bilden. Der Raum wird durch den Film erneut zur Disposition gestellt; er wird zu einer instabilen, veränderlichen Größe und unterliegt somit dem Prozess seiner ‘eigenen und sichtbaren’ Entgrenzung und Transformation.

Diese entgrenzende, transformative Raumdynamik, die der Film hervorbringt und die ihm selbst innewohnt, soll am Beispiel des Avantgardefilms Jonas (Ottomar Domnick, 1957) durchgespielt werden. Denn in diesem filmischen Stadtexperiment, das als Vorläufer des Neuen deutschen Films gelten kann, wird der urbane Raum zerteilt und in seine einzelnen Versatzstücke zerlegt, um ihn im nächsten Moment wieder neu zu formieren. Jonas entwirft entleerte, verfremdete Stadtbilder, die seltsam abgekoppelt vom sichtbaren und hörbaren Urbanen zu sein scheinen, während sie zugleich durchdrungen sind von einer Vielstimmigkeit asynchroner Geräusche, Dialoge und Töne, die das Sichtbare und das Sagbare unentwegt auseinander treten lassen.

In seinem Gestus des Sezierens und Zerteilens des Urbanen lässt sich Jonas als eine ‘Versuchsanordnung der Veränderlichkeit’ begreifen, in welcher die Grenzen des (filmischen) Raums noch einmal neu verhandelt werden. Im selben Zuge, und eng damit verbunden, tritt er ‘als Film’ in eine reflexive Schleife ein, die sich in einer Verkettung unterschiedlicher Zeit- und Raumschichten, mithin in einer Überlagerung bereits vergangener, expressionistischer Stadtbilder einerseits und zukünftiger, abstrakter Stadtvisionen andererseits artikuliert. Auf beiden Linien entfaltet Jonas eine ‘Ästhetik der Transformation’, in der die filmische Konfiguration des Raums als stetiger Prozess der Eingrenzung und der Entgrenzung wirksam wird.

Filmsequenzen zum Vortrag:

Ottomar Domnick
Jonas, D 1957
81 min

"Der Film setzt, fotografisch gesprochen, mit Wochenschaukälte ein. (...) Was Regie und Kamera (...) an Verfremdung der Umwelt geleistet haben, ist bemerkenswert. Alle Aufnahmen haben Stuttgart zum Hintergrund. Aber es ist ein Stuttgart, als sei es von Kafka dargestellt, technisch abstrakt (...), eine Stadt aus den Elementen dieses Jahrhunderts: Beton, von kaltem Neonlicht erfüllte Korridore, Horizonte voller Drahtverspannungen, abblätternde Fassaden schäbiger Mietshäuser, Schienen, Brücken, Treppen, provinzielle Winkel, in denen Vergangenheit schimmelt und gärt, Schuttwüsten, Baustellen, Krane, Stahlgerüste, (...). Mit dem fliehenden Jonas entzieht sich auch der Film jedem Deutungsversuch, der etwa auf das aus wäre, was man traditionell eine Lösung nennt." (Karl Korn in der FAZ am 24.06.1957)

"in dieser stadt/ in ihren trümmern/ ihren riesigen warenkörben/ zwischen signalen und maschinen/ in dieser stadt wohnen keine götter/ und keine helden./ die stadt schläft./ in ihren kabinen schlafen viele/ sie schlafen in ihren zellen/ im stahlskelett/ sie schlafen hinter den chiffren/ und den fassaden/ nur in den kellern regen sich/ schlaflos/ die maschinen./ die stadt ist leer/ sie hat keine bäume/ und kein gelächter./ sie ist ausgestorben/ wenn der morgen graut./ wenn der morgen graut/ und du suchst einen/ irgendeinen/ einen mann namens jonas/ zwischen den schildern und fronten/ musst du hinter die fassaden sehen/ hinter die kalten/ schlafenden ziegel/ seine welt ist mit zeichen vernagelt/ die maschinen laufen tag und nacht/ aber jonas/ jonas steht an einem fenster/ irgendeiner/ an irgendeinem fenster/ und begrüßt den morgen." (Hans Magnus Enzensberger im Prolog zu Jonas)