Uta Caspary

Zeichen  –  Bild  –  Fassade
Ornamente in der Gegenwartsarchitektur


Vortrag: 29.10.2009





Abwechselnd gefeiert und verurteilt, zugleich historisch rückgebunden wie zukunftsweisend, stellt das Ornament ein wesentliches Grundphänomen moderner Architekturpraxis und -theorie dar. In den 1990er Jahren brachte der digital turn, die Etablierung von computerbasierten Entwurfs- und Herstellungsprozessen in der Architektur, eine signifikante Reaktivierung des Ornaments mit sich, die sich zunächst vor allem auf die Fassade als "Gesicht" des Hauses bezog. Dabei ist das Ornament in größere, kulturhistorische Zusammenhänge eingebunden: Es kann als Spiegel der engen Wechselbeziehung von Kunst-, Kultur- und Architekturgeschichte aufgefasst werden.

In dem Vortrag werden anhand aktueller Baubeispiele drei Bedeutungsaspekte des Ornaments in der Gegenwartsarchitektur vertieft: Erstens sind ornamentale Entwurfsansätze oftmals eng an künstlerische Verfahrensweisen gekoppelt, wobei ArchitektInnen mit KünstlerInnen kooperieren oder sich deren Strategien zu Nutze machen. Das Spektrum der Einflüsse reicht von abstrakter Farbmalerei und Konzeptkunst über Arte Povera und Pop Art bis hin zur aktuellen digitalen Kunst, mit Hilfe derer Medienfassaden entstehen. Zweitens kann ein ornamentales Gebäude kulturelle und ortspezifische Identität schaffen oder festigen, indem es auf eine regional verankerte, traditionelle Formen- und Motivsprache zurückgreift, diese jedoch mittels zeitgemäßer Technologie abwandelt. Drittens werden im Zuge der Digitalisierung technisch-konstruktive, materielle und bildhaft-ornamentale Aspekte zusehends zu einer neuen Einheit zusammengeführt. Dadurch wird die im Ornamentdiskurs häufig angeführte Dichotomie von notwendiger Konstruktion und funktionslosem Dekor aufgehoben. Die ornamentale Fassade entwickelt sich so von der äußersten, angefügten Schicht oder mitteilsamen Oberfläche zu einem integralen Bestandteil der Gesamtkonstruktion. In seiner Doppelfunktion als ordnendes und schmückendes Element übt das architektonische Ornament nicht nur eine Faszination der Wahrnehmung aus, sondern ist bestenfalls auch mit einer Aussage verbunden: Es kann Zeichen, visueller Code und Bild zugleich sein.