Margaret Salmon

Ausstellung: 20.9. - 14.12.2008

Margaret Salmon arbeitete in New York und London zunächst als Fotojournalistin bevor sie während ihres Kunststudium am Royal College of Art im 16mm-Format zu filmen begann. Neben der Möglichkeit, die ihr die Bolex-Kamera bot, allein zu arbeiten und zu schneiden, ist Salmon an einer filmischen Materialität interessiert, die sie in Vorbildern des Dokumentarfilms wie Albert und David Maysles, Robert J. Flaherty und Dziga Vertovs wie im Cinéma Vérité eines Jean Rouch oder den sowjetischen und amerikanischen Propaganda-Filmen fand. Margaret Salmons filmische Arbeiten, die sie auf DVD transferiert zeigt, bewegen sich in Zwischenbereichen von Porträtfotografie, dokumentarischem und Feature Film und erhalten so ihre unverwechselbar persönliche Handschrift.

Arbeiten in der Ausstellung:

Ramapo Central
2003, 8’, 16mm auf DVD, Farbe, Ton

Der 2003 entstandene Film Ramapo Central beginnt ohne Ton und wechselt im Laufe der Einstellungen zwischen Schwarzweiß und Farbeinstellungen, die ein Alltagsporträt von einer Frau mittleren Alters zeichnen. Die Tonspur zeichnet die Stimme der als Telefonistin in der Arbeitsvermittlung Ramapo Central tätigen Frau und ihren freundlichen und verständnisvollen Umgang mit den Kunden auf. Parallel dazu aber nicht analog zu der Tonspur, entwickelt die Künstlerin ihre Bildeinstellungen als ästhetische aber auch narrative Porträts eines alltäglichen Lebens. Salmon nähert sich überwiegend mit längeren Einstellungen und Großaufnahmen, aber auch Kamerafahrten den häuslichen Tätigkeiten und Tagesabläufen der Frau.
Es entsteht ein interessanter Kontrast, eine Reibung zwischen sparsam eingesetzter, intensiver Farbigkeit, die an amerikanische Technicolorfilme einer goldenen Ära erinnern, und grobkörnigen Schwarzweiß-Sequenzen, d ie die Kinogeschichte des amerikanischen Autorenfilms und italienischen Neorealismus aufrufen. Es sind meist diese Frauen- oder Männerporträts, Charakterstudien, die Margaret Salmon in ihrer Auseinandersetzung mit dem Kino interessieren. Sie überzeichnet jedoch ihre Porträts durch Wiederholungen alltäglicher Tätigkeiten sowie einer Serialität in Sprache und Bild. Dadurch werden ihre Figuren zu Urbildern, so unmittelbar wahrgenommen zu werden. Die Kombination aus Narration und dokumentarischer Anmutung greift dabei nicht nur filmische Vorbilder auf, sondern referiert ebenfalls auf literarische Figuren und Charaktere.


P.S.
2002, 8’, 16mm auf DVD, s/w, Ton

Margaret Salmon porträtiert in P.S. auf 16mm-Format einen Mann in gesetztem Alter, der seiner täglichen Arbeit nachgeht. Sie begleitet ihn auf Spaziergängen, filmt ihn während körperlich strapazierender Gartenarbeit, bei der Autowäsche oder in ruhigen, nachdenklichen Momenten mit Zigarette an einen Zaun gelehnt. Die Aufnahmen werden durch kurze, stakkatoartige Sequenzen von einem Feuerwerk, nächtlichen Lichtreflektionen oder von den flüchtigen Bildern einer geselligen Grillparty unterbrochen. Während des gesamten Films bleibt die Person isoliert und in sich gekehrt.
Obwohl Margaret Salmon ihre Handkamera schonungslos nah an den Protagonisten heranbewegt und in seinem durch Alter und Arbeit gezeichneten Gesicht nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern die einer ganzen Generation zu lesen versucht, zeigt sich die Person isoliert und dem Zuschauer gegenüber verschlossen. Ihre Kamera bildet nicht ab, sondern durchdringt ihr Gegenüber als "reactive force". Salmon entlehnt ihre visuell betonte, ästhetische Bildsprache, den Wechsel von langen, beobachtenden Einstellungen und harten Schnittfolgen, wie die extremen Weitwinkel und Untersichten explizit dem frühen sowjetischen Kino, insbesondere Mikhail Kalatozovs Episodenfilm Soy Cuba (1964), der in vier Teilen von der kubanischen Revolution erzählt, eine davon aus der Sicht eines Landarbeiters.
Akustisch ist P.S. mit dem litaneiartigen Streitgespräch e ines älteren Ehepaars unterlegt, das Margaret Salmon aus dem heimatlichen Suffern seit ihrer Kindheit kennt. Während die Frau den Wunsch ausspricht, sich scheiden zu lassen, obwohl finanzielle Gründe dagegen sprechen, entgegnet ihr Mann, dass sie nie ehrlich zu ihm gewesen sei. Das Gespräch bewegt sich trotz der Ernsthaftigkeit des Gesagten in einem ruhigen, lethargischen Rhythmus. Keine der Stimmen erhebt sich. Die Hauptfiguren scheinen nicht mehr fähig, sich aus dem Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten und Schuldzuweisungen zu lösen. Stattdessen verharren sie in beckettartiger Warteposition auf den nächsten, gleich ablaufenden Tag, auf das Post Scriptum. Obwohl sich Bild und Ton nicht unmittelbar verbinden werden die Gedanken des Mannes wie ein innerer Dialog für den Betrachter lesbar. Salmon entwickelt in P.S. eine Technik, mit der sie das Figurenbewusstsein selbst "sprechen" lässt.