Henning Engelke

Die Sprengkraft des Ästhetischen. Undergroundfilm und die Atombombe

Vortrag am 4.7.2008

Die Faszination an den visuellen Aspekten der technologischen Moderne verbindet sich in einer Anzahl von Avantgardefilmen der frühen 1960er Jahre mit der Angst vor einem drohenden Atomkrieg. Zur gleichen Zeit nahmen Avantgarde-Filmemacher zunehmend eine politische Haltung ein und hinterfragten die gängigen Auffassungen zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaft. Stan Vanderbeeks animierte Filmcollagen Science Friction (1959) und Breathdeath (1963) unterlaufen satirisch herrschende Mediendarstellungen zu atomarer Raketentechnologie und setzen sich zugleich mit den ästhetischen Möglichkeiten technologisch geprägter visueller Landschaften auseinander.

The Hole (1963) von John und Faith Hubley verfolgt einen ganz anderen Ansatz, indem der Film die Geschichte zweier Bauarbeiter erzählt, die sich über die Gesetze des Zufalls unterhalten und schließlich auf Fragen atomare Sicherheit zu sprechen kommen. Ungeachtet seiner traditionellen, linearen Erzählform erlauben die animierten Zeichnungen eine Vielzahl von Assoziationen.
Während Vanderbeeks Filme zur Gegenkultur-Bewegung der 1960er Jahre gehören, gehen die stärker pädagogisch orientierten Filme der Hubleys auf eine Tradition des sozial engagierten Films der 1930er Jahre zurück. Der Vortrag vergleicht diese beiden unterschiedlichen filmischen Ansätze vor dem Hintergrund sich verändernder Avantgarde-Konzepte, Animationstechniken und Debatten zu Technologie, Wissenschaft und Medien. Die Atombombe wird in diesem Zusammenhang zu einem komplexen Symbol an der Schnittstelle von ästhetischen, ethischen und wissenschaftlichen Diskursen.

Filme zum Vortrag:

Stan Vanderbeek
Science Friction
1959, 10’, Farbe, Ton

"If this film has a social ambition, it is to help disarm the social fuse of people living in anxiety, to point out the insidious folly of competitive suicide (by way of rockets). In this film and others I am trying to evolve a ‘litera-graphic’ image, an international sign language of fantasy and satire. There is a social literature through filmic pantomime, that is, non-verbal comedy satire; a ‘comic-ominous’ image that pertains to our time and interests which Hollywood and the commercial cinema are ignoring. Juxtaposition and mistaken identity are two important factors in experimental comedy; what is the comic image? What is the comic catalyst? What about experimental comedy along the borders of dream and reality?" Stan Vanderbeek, 1964


Breathdeath
1963, 15’, s/w, Ton

"Dedicated to Charlie Chaplin and Buster Keaton. A surrealistic fantasy based on the 15th century woodcuts of the dance of the dead. a film experiment that deals with the photo reality and the surrealism of life. It is a collage-animation that cuts up photos and newsreel film and reassembles them, producing an image that is a mixture of unexplainable facts (Why is Harpo Max playing harp in the middle of the battlefield?) with the inexplicable act (Why is there a battlefield?). It is a black comedy, a fantasy that mocks death ... a parabolic parable." - Stan Vanderbeek.


Faith Hubley und John Hubley
The Hole
1962, 58’, Farbe, Ton

Der Animationsfilm widmet sich zwei Bauarbeitern. Tief unter der Erde beginnen sie eine Diskussion über die Möglichkeit, Gesetze und die Gefahr nuklearer Zerstörung. Plötzlich löst eine umherstreifende Ratte den Alarm für einen Luftangriff aus. Zur gleichen Zeit lässt ein Kran eine Ladung Geröll mit großem Getöse fallen. In der Angst, dass die "Bombe" womöglich gefallen ist, klettert einer der Bauarbeiter an die Erdoberfläche und schaut nach außen. Der Dialog wurde von Dizzy Gillespie und George Matthew improvisiert. Mit The Hole erhielten Hubleys 1962 (nach Moonbird) ihren zweiten Oscar.